Fahrbericht: Höllenritt im legendären 87er VW Golf 2 „Pikes Peak“

Mit lautem Scheppern schlägt die Beifahrertür ins Schloss. Ich blicke auf eine nackte, grau lackierte Golf 2-Tür und fühle mich wie ein Abenteurer, dem gerade die Entdeckung seines Lebens bevorsteht. Neben mir sitzt ein waschechter Abenteurer, der unzählige, sagenhafte Geschichten aus dem Motorsport erzählen könnte, Klaus-Joachim Kleint, den alle nur „Jochi“ nennen. Lässig blickt der heute 70-Jährige aus seinen Helm zu mir herüber, den er 1987 trug, als er zum dritten Mal beim „Race to the Clouds“ an den Start ging.

Die Luft wird dünn

Ganze 31 Jahre ist es nun her, dass Jochi in diesem Golf und mit dem gleichen Helm an der Startlinie des Pikes Peak-Rennes auf rund 2.800 Meter über dem Meeresspiegel stand und auf das Startzeichen wartete. Diesmal schraubt sich der Pikes Peak-Golf mit seinen zwei 16V-Turbo-Motoren aber nicht durch 156 Kurven auf losem Untergrund in Richtung Himmel auf 4.300 Höhenmeter. Diesmal rollt der Golf ausschließlich über den Asphalt der Rennstrecke von Ascari. Für Jochi, der seit seinem 18. Lebensjahr Rallyes fährt, ein Kinderspiel. Keine steilen Berghänge wie am Pikes Peak, die kleinste Fehler knallhart bestrafen, auch kein Staub, nur die Hitze, der Wind und Lärm sind gleich.

Ich bin kein guter Beifahrer, denn viel lieber habe ich selbst das Steuer und damit die Kontrolle in der Hand. Doch heute lasse ich gerne Jochi den Vortritt, zumal er mir vor gut einer Stunde im ruhigen, gelassen Ton erklärt hat, dass dieses 30 Jahre alte Golf-PS-Monster auf so einer Strecke eigentlich nichts zu suchen hätte. „Der hohe Grip für Schotter und losem Untergrund sind auf Asphalt nichts. Da sind die Belastungen für Querlenker und Fahrwerk viel zu hoch.“

Kleine Ursache, große Wirkung

Und genau filigrane Querlenker waren es, die Jochi 1987 um den Sieg brachten. Das Ziel vor Augen, die Menschenmassen im Blick, die winkende Zielflagge fest angepeilt, brach ein Uniball-Gelenk. Der vordere Querlenker klappte nach hinten, und 200 Meter vor der Ziellinie war der Traum vorbei. Für Vertrauen sorgte bei mir allerdings die Gewissheit, dass die heutigen Uniballgelenke ohne Schmiernippel auskommen und somit keine Schwachstelle sind, die dem 87er Bi-Moto-Golf zum Verhängnis wurden.

Ein Golf, wie es keinen wieder geben wird

Während ich mich noch in den dick gefütterten, feuerfesten Renn-Overall von Volkswagen-Motorsport hineinzwänge, legt Jochi schon mal den ersten Gang mit einem harten, metallischen Geräusch ein, das beim Golf schon lange Geschichte ist. Beide Motoren sind warm gelaufen, es kann also losgehen. Auf den ersten Metern in die Boxengasse von Ascari scheint sich meine Hoffnung noch zu bestätigen,  dass es Jochi ruhig angeht. Aber dann tritt er das Gaspedal voll durch, beide 16V-Motoren drehen synchron hoch, sorgen für brachialen Vorwärtsschub und einen Sound, der für Autos einzigartig sein dürfte. Kurz fällt mein Blick auf den Drehzahlmesser, der rasant gen 8.000er-Marke schießt, beide Ladedruckanzeigen stehen festgenagelt bei 1,2 bar, dann wechselt Jochi in den nächsten Gang.

Mit knackigem Ruck reißt er den extrem langen Ganghebel nach hinten, für einen kurzen Moment verstummt das unschöne, metallische Schleifen der gerade verzahnten der Renngetriebe. Dafür entledigen sich beide Turbolader unter Pfeifen ihres überschüssigen Ladedrucks, das einem ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. So kurz wie dieses Turbopfeifen anhält, so krass reißt der Golf wieder vorwärts, während die Geräusche der Renngetriebe Fahrer und Beifahrer, von vorn und hinten, markdurchdringend malträtieren.

Auch nach 31 Jahre macht dieser Golf Eindruck

Mit kaum vorstellbarer Beschleunigung schießen wir auf die erste Kurve zu, und ich frage mich, wann Jochi endlich vom Gas geht und auf die Bremse tritt. Ich werde bitter enttäuscht, stattdessen schaltet er hoch, nimmt diese mit Vollgas, wobei sich die Slicks förmlich in den Asphalt beißen, keine Ahnung ob wir gerade auf zwei oder vier Rädern fahren. Ich denke noch kurz an Jochis Worte: “...eine asphaltierte Rennstrecke ist eigentlich nichts für ihn…“, und so, wie wir auf die kommende Schikane zuschießen, stelle ich mir für einen Augenblick vor, wie es wohl gewesen sein muss, mit rund 630 PS die staubigen, unbefestigten 156 Kurven zum Pikes Peak hochzujagen.

Jochi Kleint lässt den Golf fliegen

Dann endlich ist es soweit, selbst ein Jochi Kleint muss irgendwann bremsen, und der Twin-Golf kann das auch nach 31 Jahren erstaunlich gut . Selbst wenn die Bremswirkung im Vergleich zu heutigen Rennwagen, sagen wir es, wie es ist, mickrig ausfällt, verzögern die innenbelüfteten Bremsscheiben die 630 PS zuverlässig und erstaunlich vehement. Für Jochis Ritt im Jahr 1987 wohl mehr als ausreichend, schließlich war der Himmel das Ziel.

Zuvor musste er aber, genau wie heute im Jahr 2018, durch die Hitzehölle, die uns der Twin-Golf aufzwingt. Bereits nach den ersten Metern klettert die Temperatur im Inneren gefühlt mindestens genau so rasant, wie der Golf beschleunigt. Eine wirklich brauchbare Lüftung gibt es nicht. Ein simpler Schlauch quer durch den Motorraum ins Fahrzeuginnere muss damals wie heute genügen. Auch die vier kleinen Löscher in den Seitenscheiben aus Kunststoff helfen kaum gegen Hitzeentwicklung der aufgeladenen Motoren. Einzig die Aggregate selbst können sich über eine Abkühlung freuen, kleine Wasserdüsen im hinteren Motorraum besprühen hier die Kühler, um die Temperatur erträglich zu halten.

Dann passiert das, von dem ich erhofft hatte, es würde nicht so schnell eintreten. Plötzlich fühlt sich der Twin-Golf völlig anders an, Jochi ist vom Gas gegangen – wir sind auf der Auslaufrunde. Es ist dieser Augenblick, in dem mir schlagartig klar wird, diesen Ritt wird es kein zweites Mal geben. Ich fühle, wie es Jochi im Jahr 1987 ergangen sein muss, als sein Traum vom Race to the Cloud zerbrach.

Der VW I.D. R schafft, was dem Golf 2 verwehrt blieb

Dennoch bleibt diese Begeisterung für das, was Jochi Kleint und das Team von Volkswagen Motorsport im Jahr 1987 geleistet haben, und für diesen Golf, der selbst nach 31 Jahre immer noch eine Kampfansage ist. Und was Jochi Kleint mit seinem Golf 2 verwehrt blieb, schaffte in diesem Jahr am 27. Juni Volkswagen Motorsport mit dem rein elektrischen VW I.D. R und dem Rennfahrer Romain Dumas hinterm Steuer. Dank 680-PS-Systemleistung und ausgefeilter Aerodynamik schoss der I.D. R nach 7 Minuten, 57 Sekunden und 148 Hundertstel über die Ziellinie und setzte damit nicht nur die Benchmark für E-Fahrzeuge, sondern deklassierte mit 16 Sekunden Differenz zugleich alle Rekorde der bisher dominierenden Verbrenner.

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