Der Boxster – Porsches Retter aus der tiefsten Krise

Anfang der 1990er Jahre befindet sich Porsche durch rückläufige Absatzzahlen in einer wirtschaftlich bedenklichen Situation. Der Grund: Eine verfehlte Modellpolitik, denn die vier, technisch eigenständigen Modellreihen 911, 944, 968 und 928 sind sehr aufwendig zu produzieren, damit auch teuer und obendrein unflexibel. Zudem sind inzwischen frische Kompakt-Sportwagen auf dem Markt gefragt wie beispielsweise der Mazda MX-5 oder BMW Z1, die bei der jüngeren Kundschaft gut ankommen.

Wie ernst die Lage inzwischen ist, zeichnet sich im Jahr 1991 ab. Die Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres: Porsche hat 26.500 Autos verkauft, das heißt nur noch rund die Hälfte von vier Jahren zuvor. Die hohen Produktionskosten und dazu noch der günstige US-Dollarkurs sorgen für Beschleunigung und bringen Porsche wirtschaftlich in eine beängstigende Schräglage. So stehen Interessenten wie Volkswagen und  Mercedes-Benz für eine Übernahme der Zuffenhausener schon bereit. Dabei zählt speziell Mercedes-Benz nicht nur zu den besten Kunden im Porsche-Entwicklungszentrum Weissach, das Motoren, Getriebe und weltweit ganze Fahrzeuge für Automobilfirmen entwirft. Die Untertürkheimer sorgen auch dafür, dass das Porsche-Werk in dieser Misere ausreichend mit der Produktion von eigenen Fahrzeugen ausgelastet ist. So tragen zwanzig der vom Band rollenden130 Fahrzeuge einen Stern auf der Haube, den der sportlichen Limousine Mercedes 500E.

Den entscheidenden Wendepunkt der negativen Entwicklung soll der komplett neu entwickelte Porsche Boxster bringen, der 1993 auf der Detroit Motor Show mit großem Erfolg präsentiert wird und 1996 auf den Markt kommt. Der agile Mittelmotor-Roadster erschließt für Porsche nicht nur ein neues Marktsegment, sondern zieht mit seinem Konzept und der preislichen abgrenzenden Positionierung unterhalb des etablierten 911 auch eine deutlich jüngere Kundschaft an.

Doch dies ist nur ein Teil der geänderten unternehmerischen Gesamtstrategie, die 1991 von der neuen Generation in der Management-Ebene mit dem Konzept des zweisitzigen Roadsters mit Mittelmotor einläutet wird. Neben Wendelin Wiedeking, damals noch Vorstand Produktion und Materialwirtschaft, und Dieter Laxy, Vorstand Vertrieb, ist auch Horst Marchart, Vorstand Forschung und Entwicklung, an der Neuausrichtung beteiligt.

 „Von dem damals in der Entwicklung befindlichen Viersitzer Typ 989 versprachen wir uns keine Rettung in der wirtschaftlich schwierigen Situation, da die zu erwartenden Absatzzahlen zu gering für die Firma und den Handel sein würden, und das Fahrzeug als eigenständige Modellreihe keinerlei Gleichteile mit der 911-Modellreihe ermöglichen würde. Die Idee war, aus dem Fahrzeugkonzept und den Bauteilen eines neuen 911 eine weitere Modellreihe zu schaffen. Es sollte ein Zweisitzer werden, dessen Frontpartie nahe am 911 sein musste, um eine klare Identifikation als Porsche zu gewährleisten. Zudem sollte das neue Auto circa 70.000 Mark kosten und auch jüngere Käufer ansprechen. Mein Konzept wurde akzeptiert“, erinnert sich Horst Marchart an die Präsentation vor den Gesellschaftern.

Das Entscheidende ist, dass Marcharts Roadster-Konzept verstärkt auf das kostensparende Gleichteileprinzip, im Englischen COP, Carry-Over-Parts genannt, setzt. So teilt sich der Boxster der ersten Generation 986 den Vorderwagen, die Türen und zahlreiche weitere Bauteile mit dem 911 der Generation 996, der 1997, nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Boxster, auf den Markt kommt. Die beiden Modellreihen punkten logischerweise mit deutlich reduzierten Produktions- und Lagerhaltungskosten.

Damit einher geht ein drastisches Kosten-Management. Dazu Horst Marchart: „Wir hatten als Firmenziel ausgegeben, die Kosten in der gesamten Firma zu reduzieren. Für die neuen Autos wollten wir die Herstellkosten um 30 Prozent senken, was unter anderem durch das Gleichteilekonzept für Baugruppen möglich war. Um dies umsetzen zu können, haben wir Entwicklungsteams gebildet, die gleichzeitlich für beide Fahrzeuge zuständig waren. In der Entwicklung und im Einkauf wurden für die Bauteile der neuen Autos fiktive Preisziele festgelegt, um den gewünschten Herstellpreis sicher zu erreichen.“

Der Boxster wird, nicht zuletzt dank des genialen Designs von Grant Larson, ein voller Erfolg und den Verkäufern förmlich aus der Hand gerissen. Die Flut der Bestellungen übertrift alle Erwartungen, dazu gibt es Wartelisten, wie heute bei besonders gefragten Luxusuhren. Von der ersten Generation des Boxsters werden 164.874 Modelle verkauft, mehr als von jeder folgenden Generation danach. Aber das Beste: Der von 911-Hardlinern als „Hausfrauen-Porsche“ verspottete Boxster rettet damals die Marke Porsche vor dem Aus.(Fotos: Porsche AG)

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