Das Erbe des Viktor Grahser: Walter Röhrls Porsche 356/930 Roadster

Es ist das Jahr 1996. In einem Wirtshaus in Klein Neusiedl,  knappe 25 Kilometer südöstlich von Österreichs Hauptstadt Wien, sitzt der 56-jährige Viktor Grahser und unterhält sich angeregt auf Englisch, dabei sitzt er ganz allein an einem Tisch im hintersten Eck des Lokals. Er hat Palatschinken bestellt, wie jeden Freitag. Vor drei Jahren ist der gelernte Flugzeugmechaniker nach Österreich zurückgekommen, der Liebe wegen.  

 

Eine folgenreiche Begegnung 

 

Ein paar Tische weiter beobachtet ihn der Sohn der Wirtin. Rudolf Schmied, Mitte 20, ist vor kurzem von einem Australien-Urlaub zurückgekehrt. Der junge Mann zögert nicht lange und spricht den als Einzelgänger im Dorf bekannten Grahser auf Englisch an. Schnell landen die beiden beim Thema Down Under, eine Gemeinsamkeit, eine erste Begegnung, der nun viele folgen. Grahser sieht Schmied fast täglich in einem roten VW Käfer an seinem Haus im benachbarten Fischamend vorbeifahren, er winkt ihm aus dem Vorgarten zu, und an Freitagen begegnen sich die beiden häufig in der Wirtschaft. Schmied hilft dem Porsche-Fan Grahser Ersatzteile zu beschaffen – und hört dem älteren Mann zu. Der erzählt ihm vor allem Porsche-Geschichten.  

 

Acht Jahre vergehen, ehe Grahser Schmied erstmals in sein zweistöckiges Haus einlädt. Er will ihm etwas zeigen, was er noch nie jemandem gezeigt hat. Der Student traut seinen Augen kaum. Mitten im Wohnzimmer steht ein Porsche 356 Speedster, roh, mit nur einem Scheinwerfer, ohne Bodenplatte, ohne Sitze, der Motor liegt neben einem Holzstapel im Hintergrund. Grahsers großer Traum ist es, ein Porsche-Museum in seiner Heimat Österreich zu eröffnen. Die ersten drei Fahrzeuge dafür besitzt er bereits, nur restauriert müssen sie halt noch werden.

 

Zwei Porsche warten im Container vergeblich auf ihre Restauration

 

Während der 356 Speedster, einer von nur wenigen gefertigten Rechtslenkern übrigens, im Wohnzimmer steht, befinden sich die anderen beiden vor der Tür in jenem Schiffscontainer, den sie seit ihrer Abreise aus Australien nicht verlassen haben: Oben ein Porsche 356 A Coupé, das teilweise zu einem 356 Speedster mit 911-Technik und 2,7-Liter-Motor mit mechanischer Einspritzpumpe umgebaut worden ist. Darunter im Container-Erdgeschoss Grahsers absoluter Liebling, ein Porsche 356 B Roadster von 1959 mit 3,0-Liter-Turbomotor aus dem Porsche 911 (Typ 930) von 1977. Um diesem Porsche 356/930, wie Grahser ihn nennt, nahe zu sein, öffnet er häufig die Containertüren. Dann sitzt er dort auf einem Stuhl mit Blick auf die beiden Porsche.

 

Mit Schmied spricht Viktor Grahser in dieser Zeit viel über Australien und den Ankauf des ersten beschädigten 356 B Roadster im Jahr 1981. Schmied erfährt, dass Grahsers Projekt 356/930 im darauffolgenden Jahr seinen Anfang nahm, und wie der Flugzeugmechaniker 1986 eines der Gründungsmitglieder der Australian Porsche 356 Register Inc. geworden ist. Mit seinen Freunden aus dem Club pflegt Grahser auch nach seiner Rückkehr in die österreichische Heimat Kontakt, sie schreiben sich Briefe. 

 

Grahser stirbt – und sein Erbe? 

 

Im Mai 2008 stirbt Grahser unerwartet, Schmied bewahrt dessen Korrespondenz auf. Die Absenderadressen lassen dem studierten Fotografen keine Ruhe, zu gerne würde er Grahsers Freunde von damals kennenlernen, sie über seinen Tod informieren, von den Jahren in Fischamend erzählen und noch viel mehr über Grahsers vorheriges Leben in Australien erfahren. Und die drei Porsche 356? Lange Zeit hat Schmied nicht den Hauch einer Ahnung, was nach Grahsers Tod mit den Sportwagen passiert ist. Bis 2012 sein Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung: Rafael Diez. Er hat über Umwege von diesem besonderen Mann und dessen drei Porsche 356 erfahren.

 

Elf Jahre nach Grahsers Tod wird der 356 Roadster vollendet

 

Diez gelangt an einen Händler in Stephanskirchen, der Grahsers Sportwagen über dessen Nachlassverwalter bezogen hat, erwirbt das Porsche-Trio und erkennt auf den ersten Blick Grahsers nicht zu Ende geführte Absicht: die verbreiterten Radläufe des Roadsters, die auf zwei Kühllufteinlässe erweiterte Motorhaube und die für einen 356 ungewöhnliche Frontlippe, angelehnt an die des Porsche 911 S. Es bleibt Diez vorbehalten, Grahsers Lebensprojekt zu vollenden. Die Kurzversion: Einstell- und Zinnarbeiten, Lackierung. Diez baut den Rechtslenker zu einem Linkslenker um, schweißt die Karosserie zurecht, stellt Motor und Getriebe ein, passt die Frontscheibe mit Chromband perfekt in den Rahmen ein.

 

Der neue Besitzer hat Respekt 

 

2018 erzählt Diez seinem Bekannten, Porsche-Markenbotschafter Walter Röhrl von dem 356 B Roadster und bittet ihn, ein paar Testfahrten mit dem Porsche 356/930 vorzunehmen. „Ich bin ein großer Freund von alten Autos, sie geben einem noch das Gefühl, etwas können zu müssen“, sagt Röhrl. „An den umgebauten 356 B Roadster mit Turbo-Technik bin ich sehr vorsichtig rangegangen, zu viel war augenscheinlich verändert worden. Umso verwunderter war ich, wie perfekt ausbalanciert er sich bereits beim ersten Versuch anfühlte. Vorne die tiefe Lippe, hinten der schwere Motor, 260 PS – der fährt sich ruhig, präzise und macht richtig Spaß.“  

 

Mittlerweile ist der zweifache Rallye-Weltmeister der neue Besitzer des Autos, das Diez „Porsche 356 3000 RR“ taufte. 3000 wegen des entsprechenden Hubraums. „RR“ steht für „Röhrl Roadster“. Außen Schiefergrau, das Interieur Rot. Auf der Motorhaube thronen Röhrls vier Siegerplaketten von der Rallye Monte Carlo, innen ist ein 911-Lenkrad mit 356-Kranz verbaut, auch die Instrumente erinnern an einen Elfer. Für Viktor Grahser sollte der 356 mit Elfer-Technik sein „Super-Porsche“ werden. Das blieb leider nur sein großer Traum.(Fotos: Porsche AG)

 

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